Kennzeichen: Die Oberseite ist graubraun, die Unterseite weißlich gefärbt. Die Flanken sind hellbraun. Die Federn der Flügel (Groß- und Deckgefieder) sind schwarz und haben breite rostbraune Säume. Der im Verhältnis zu anderen Grasmücken lange Schwanz ist graubraun, die Außenkanten der äußeren Schwanzfedern sind weiß. Die Kehle ist weiß, die Beine sind gelbbraun. Das Männchen hat einen grauen Kopf, einen breiten weißen Augenring, und eine rosafarbene Brust. Die Iris ist rotocker. Das Weibchen hat einen braun getönten Kopf, eine hellbeige Brust und eine braune Iris. Jungvögel im ersten Winter ähneln den Weibchen.
Lebensraum: Die Dorngrasmücke brütet in offener Landschaft mit dornigen Büschen und Hecken, in buschbestandenen Heidegebieten, an Waldrändern, Feldgehölzen, auf Lichtungen und gestrüppreichen, ehemaligen Kahlschlägen, nicht selten auch im Gebüsch an Bahndämmen. Brutnachbarschaft zum Neuntöter wird häufig beobachtet. Dorngrasmückenreviere sind sehr flexibel. So sind die für die Balz begründeten Territorien viel größer als die späteren Brutreviere, was bedeutet, dass sich die Grenzen im Verlauf der Brutsaison verschieben.
Verbreitung: Die Dorngrasmücke gehört zu Europas häufigsten und am weitesten verbreiteten Zweigsängern. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich über Nordwestafrika und fast ganz Europa. In Norwegen erreicht die Art den Polarkreis. In großen Teilen Nordskandinaviens, Finnlands und Russlands fehlt die Art ebenso wie auf der südlichen Iberischen Halbinsel, auf Island, Korsika, Sardinien und den Balearen. In Asien reicht ihr Areal bis in den Norden der Mongolei. In Österreich geht sie gebietsweise bis in 2.100 Meter Höhe. In Europa trifft man überwiegend die Nominatform an, ab dem östlichen Mittelmeerraum ostwärts lebt die deutlich schlichter gefärbte Unterart icterops. Obwohl sie noch immer häufig ist, war es die Dorngrasmücke einst noch mehr. Zwischen 1960 und 1970 und besonders im Jahr 1969, brach die Population fast europaweit auf 50 Prozent zusammen. Der Grund war vermutlich eine lange Dürre in der Sahelzone, wo die Dorngrasmücken überwintern. Obwohl sich die Art vielerorts wieder erholt hat, ist sie heute nicht mehr so zahlreich wie früher.
Zug: Dorngrasmücken sind Zugvögel und treffen Ende März oder im April in ihren Brutgebieten ein. Meist kommen die Männchen 10 Tage früher als die Weibchen aus dem Winterquartier zurück.
Nahrung: Das Nahrungsspektrum ähnelt dem der Mönchs- und Gartengrasmücke, enthält aber im Vergleich weniger Beeren und Früchte. Diese erlangen jedoch im Winterquartier größere Bedeutung. Bei der Nahrungssuche halten sich Dorngrasmücken niedrig und bleiben meist in der Krautschicht, anstatt sich in die Bäume zu wagen.
Verhalten: Die Grasmücke schlüpft lebhaft durch dorniges Gesträuch. Nicht selten zeigt sie sich offen mit gesträubten Scheitelfedern.
Stimme: Der Gesang der Dorngrasmücke ist ein typisch grasmückenartiges "Geplapper": Schnelle, gequetschte Tonfolgen mit wenig melodiösen Themen. Als Merksatz für den Gesang gilt – "Mach ich doch! Hab ich doch gesagt!" – schnell aufgesagt. Der heisere, etwas nasale Ruf klingt wie "wähd wähd" oder "woid woid". Der Warnruf ist ein langgezogenes, rauhes "tschähr". Die rauen, aber angenehm klingenden, sehr variablen Strophen enthalten nicht selten Imitationen anderer Vogelarten. Besonders reichhaltig sind die Strophen im häufig vorgetragenen Singflug. Oft singen die Männchen auch exponiert auf einem Busch, Zaunpfahl oder sogar Leitungsdraht. Von der Singwarte aus steigt der Vogel mit verlangsamten Flügelschlägen und intensiv singend in wellenförmiger Flugbahn steil bis zu 10 Meter hoch auf, um dann stufenweise mit gesträubten Kopffedern und leicht gefächerten Steuerfedern stumm abzusteigen und der Deckung zuzustreben.
Brut: Männchen behaupten oft mehrere Reviere gleichzeitig, die manchmal, jedoch nicht immer, von je einem Weibchen bewohnt werden. Es scheint, dass es in der Population weniger weibliche Dorngrasmücken gibt, so dass im Schnitt nur in etwa 50 Prozent aller Reviere auch eine Brut stattfindet. Manche Männchen, wohl die besten, brüten gleich zweimal, jeweils mit einem anderen Weibchen. Sie legen mehrere Nester an, die bis auf die Auskleidung der Nestmulde fertig sind. Dann versuchen sie ein Weibchen zum Nest zu locken. Wenn das Nest gefällt, wird es von beiden zu einem tiefmuldigen, aber lockeren Bau fertiggestellt. Die Eier werden bei der ersten Brut von Weibchen und Männchen wechselweise bebrütet. Nachts brütet das Weibchen. Das zweite Gelege bebrütet das Weibchen allein, da das Männchen die Jungen der ersten Brut füttert. Das Nest befindet sich selten mehr als einen Meter über dem Boden und ist meist gut verborgen zwischen Brombeerranken, Nesseln und anderen Pflanzen.