Kennzeichen: Der Steinwälzer ist ein gedrungener, kurzbeiniger Watvogel mit einem kräftigen, kurzen Schnabel. Das Prachtkleid des Steinwälzers ist auffällig bunt mit einer sehr charakteristischen schwarzweißen Gesichts- und Kopfzeichnung, dunklen weißen und orangefarbenen Partien auf dem Rücken, weißer Unterseite und weißem Schwanz mit schwarzer Endbinde. Im Schlichtkleid ist die auffällige Gesichtszeichnung fast verschwunden, doch noch am dunkelbraunen Brustschild und Vorderhals zu erahnen. Auch jetzt fällt beim Abfliegen das markante Weiß-Dunkel-Muster der Oberseite auf. Die kurzen kräftigen Beine sind gelb bis orangefarben.
Besonderheit: Seinen Namen verdankt er einer besonderen Technik des Nahrungserwerbs. Er schiebt seinen spitz zulaufenden Schnabel, dessen Unterseite vorne abgeschrägt ist, unter die Ränder von Steinen und Strandgut und wälzt oder schiebt diese beiseite, um darunter nach Nahrung zu suchen. Der Steinwälzer kann Steine bis zu seinem doppeltem Körpergewicht bewegen. Gelegentlich treten auch mehrere Steinwälzer an, um mit vereinten Kräften etwas Größerem zu Leibe zu rücken.
Lebensraum: Außerhalb der Brutzeit findet man Steinwälzer fast nur an der Küste, sowohl im Sand- und Schlickwatt als auch an Felsküsten, oft an kleinen Pfützen im Hinterland oder auch an Küstenverbauungen. Sehr gerne werden tangbedeckte Flächen, Muschelbänke und der Spülsaum des Meeres nach Nahrung abgesucht. Die Brutplätze liegen in der Regel an der Küste oder auf vorgelagerten Inseln, auf nasser und trockener Tundra und höherer Fjällvegetation auch im Inneren. Meist ist die Umgebung der Neststandorte kahl oder nur mit sehr niedriger Vegetation bedeckt.
Verbreitung: Man kann Steinwälzer auf dem Zug oder im Winterquartier fast das ganze Jahr an allen Küsten und größeren Inseln der Welt begegnen. Das Brutgebiet erstreckt sich von den Küsten Nordeuropas entlang der arktischen Küsten Sibiriens bis an die Beringstraße und setzt sich im arktischen Amerika und auf Grönland fort. Steinwälzer brüten also so gut wie zirkumpolar. Ihre südlichsten Brutplätze lagen an der Ostseeküste Mitteleuropas. Die Vorkommen erloschen Anfang des 20. Jahrhunderts. Neuerdings aber brüten wieder einzelne Paare in Schleswig-Holstein.
Zug: Die meisten Steinwälzer sind Langstreckenzieher. Ihr Wintergebiet reicht von der Nordseeküste und Westeuropa bis an die Südspitze Afrikas, umfasst alle Küstenländer und Inseln des Indischen Ozeans, Süd- und Südostasiens einschließlich Australiens und Neuseelands. In Amerika reichen die Winterquartiere von den Küsten der mittleren USA über die Karibik bis ins südliche Südamerika. Im Einzelnen sind allerdings die Zugwege sehr verwickelt. So kommen z.B. Brutvögel von Nordostkanada und Grönland nach Westeuropa und überwintern dort von Irland über die Nordsee bis an die Küsten der Iberischen Halbinsel und Mauretaniens. Sie fliegen direkt über den Atlantik oder machen auf Island (wo Steinwälzer nicht brüten) oder in Norwegen Rast. Die fennoskandischen und westrussischen Brutvögel wandern entlang der Küsten der Ostsee und Westeuropas bis Marokko und Westafrika, östliche Brutvögel wahrscheinlich über das Binnenland Asiens über die Seen Kasachstans, das Kaspische und das Schwarze Meer, um im östlichen Mittelmeergebiet, am Roten Meer, am Persischen Golf und an den Küsten des Indischen Ozeans bis Südafrika zu überwintern. Die Brutvögel Ostsibiriens und Westalaskas ziehen nach Südostasien, Australien und in den südlichen Pazifik.
Nahrung: Ihre Nahrung ist vielseitig, an der Küste vor allem Krebstiere, Mollusken, Ringelwürmer, an den nordischen Brutplätzen bei geringem tierischen Nahrungsangebot zunächst oft Sämereien, im Sommer dann hauptsächlich Insekten. Aber auch Küchenabfälle oder Aas werden nicht verschmäht. Einzelne Vögel haben oft ihre speziellen Vorlieben bei der Nahrungssuche, die allerdings der Gruppendynamik unterworfen sein können. Untersuchungen an Steinwälzern außerhalb der Brutzeit zeigen, dass die dominanten Vögel in den 10 bis 30 Tiere umfassenden Trupps rangniedrigere von der effektivsten Methode des Nahrungserwerbs, dem Hochwerfen von Spülgut, abhalten. Stattdessen müssen sie, wie viele Weibchen, Kiesel und andere kleine Objekte umdrehen. Wenn sie dagegen aufbegehren, können sie angegriffen oder sogar getötet werden.
Brut: Steinwälzer nisten fast immer in Kolonien anderer Seevögel und „danken" diesen für deren Wachsamkeit und Schutz, indem sie ihre Eier fressen. Das Balzverhalten besteht hauptsächlich aus Verfolgungsjagden am Boden und in der Luft. Zwar vollführt das Männchen Schauflüge, allerdings seltener als die meisten anderen Watvögel und eher leise. Hat sich ein Paar gefunden, bleibt es in dieser Saison zusammen. Die Nähe des Partners ermöglicht es dem Weibchen, sich die zur Eiproduktion und Brut erforderlichen Reserven anzufressen, oft durch Nahrungserwerbstechniken, die für es allein zu gefährlich wären. Das Nest ist eine flache Mulde in Pflanzenbüscheln oder auch in Felsspalten. Beide Geschlechter brüten, die Männchen jedoch meist deutlich weniger. Es gibt Hinweise, dass Steinwälzer eine außergewöhnliche Methode der Nestverteidigung haben: Sie picken nach dem After des Eindringlings.
Info: Jeder Vogel ist an seiner Gesichtszeichnung individuell erkennbar. Experimente haben gezeigt, dass die Vögel sich in der Tat auseinander halten können. Auch haben männliche und weibliche Steinwälzer eine charakteristische Kopfzeichnung, die es Paaren zweifellos erleichtert, sich in der nächsten Brutsaison wieder zu finden. Der älteste Ringvogel ist über 19 Jahre alt geworden.