Kennzeichen: Der Grünschenkel ist größer als der Rotschenkel und der Dunkle Wasserläufer und hat einen kräftigeren Schnabel. Ihrem Namen entsprechend haben Grünschenkel das ganze Jahr über grüngraue Beine. Sie sind die größten europäischen Wasserläufer. Ihr relativ kräftiger und langer Schnabel ist leicht aufgeworfen. Im Schlichtkleid wirken sie auffällig hell. Der Rücken ist hellgrau und fein dunkel gefleckt, die Unterseite einschließlich des Vorderhalses weiß. Jungvögel im Herbst sind oberseits dunkler mit einem Muster feiner heller Federränder und fein gestricheltem Hals. Im Prachtkleid, das man bei durchziehenden Vögeln in Mitteleuropa selten sehen kann, bilden dunkle Federn undeutliche dunkle Längsbänder auf dem Rücken. Auch Hals und Flanken sind gefleckt.
Lebensraum: In seinen Ansprüchen an Nahrungsplätze auf dem Durchzug und im Winterquartier ist der Grünschenkel sicher der vielseitigste Wasserläufer der Welt. Man begegnet ihm daher außerhalb seines Brutgebiets fast überall am Wasser regelmäßig zu beiden Zugzeiten und in warmen Ländern von Afrika bis Tasmanien sogar fast das ganze Jahr über. Brutplätze sind offene Heide-, Moor- oder Tundrenlandschaften. Die Vegetation am Boden darf nicht zu hoch sein, doch sind lichte Baumbestände oder einzeln stehende Bäume durchaus willkommen. Sie werden als Ruf- und Ausguckswarten benützt. In diesem riesigen Gebiet von der Tundra bis an die Südspitze der Kontinente bleiben eigentlich nur ausgesprochene Wüsten und Trockengebiete als Lebensraum ausgeklammert.
Verbreitung: Das Brutgebiet umfasst die nördliche Waldzone bis in die Waldtundra von Nordschottland über Skandinavien bis Ostsibirien und Kamtschatka. Das Überwinterungsgebiet reicht von Westeuropa über das Mittelmeergebiet bis an die Südspitze Afrikas und nach Osten über Vorderasien, den Indischen Ozean, Vorder- und Hinterindien nach Südchina sowie über die Sundainseln, Philippinen, über ganz Australien bis Tasmanien und zum Norden Neuseelands.
Zug: Abgesehen von Brutvögeln in West- und Nordeuropa sind die meisten ausgesprochene Langstreckenzieher, die in breiter Front über das Binnenland ziehen, sich aber an günstigen Küstengebieten wie dem Wattenmeer der Nordsee konzentrieren. Hier kann man zu den Höhepunkten Tausende von Grünschenkeln antreffen, an den zahlreichen kleineren und größeren Durchzugsstationen des Binnenlandes dagegen meist nur einzelne oder kleine Trupps, fast überall aber Jahr für Jahr. Die Weibchen verlassen schon ab Ende Juni die Brutplätze. Um diese Zeit setzt bereits der Durchzug an der Nordseeküste ein. Hier werden dann die Höhepunkte im Juli und August erreicht. Der Weiterzug setzt im Oktober ein, manche bleiben noch länger. Ähnlich ist es im Binnenland, doch liegen hier die Maxima des Durchzugs meist etwas später. Vielleicht ziehen mehr Junge durchs Binnenland, die später von den Brutplätzen abwandern. Ab Anfang April beginnt sich der Heimzug in Mitteleuropa bemerkbar zu machen, erreicht aber seinen Gipfel meist erst Anfang Mai. Anfang Mai/Mitte Mai erscheinen die Brutvögel in Fennoskandien. Häufig ziehen Grünschenkel nachts und man kann dann ihre klangvollen Rufe auch über der Großstadt hören. Viele Vögel übersommern im Bereich des Winterquartiers.
Nahrung: Grünschenkel ernähren sich von wirbellosen Tieren aus dem Seichtwasser oder den obersten Schlammschichten und von Bodentieren. Beutetiere werden vom Boden oder von der Wasseroberfläche abgesammelt oder aus dem weichen Schlamm gestochert oder mit seitlichen Schnabelbewegungen herausgestrichen. Grünschenkel jagen auch Fische und Kaulquappen, die sie verfolgen oder mit dem Schnabel ertasten.
Verhalten: Im Brutgebiet zeigen die Männchen ihren beeindruckenden auf- und absteigenden Schauflug, bei dem sie erst mit schweren Flügelschlägen Höhe gewinnen, um dann nach kurzem Flügelzittern mit gebogenen Flügeln in einer Reihe von Kreisen abwärts zu gleiten. Dabei können sie bis zu 300 Meter hoch aufsteigen. Am höchsten Punkt angelangt, begleiten die Vögel ihren langsamen Abstieg mit einer flötenden Reihe zweisilbiger Töne.
Brut: Trotz zahlreicher Schauflüge finden die geschäftigen Männchen noch genügend Zeit, in ihrem Revier mehrere Nestmulden anzulegen, von denen eine für die Eiablage ausgewählt wird. Die Nester befinden sich oft in der Nähe von Steinen oder Holzstücken, wohl damit die Altvögel sie besser wiederfinden. Meist beginnen Grünschenkel im 2. Lebensjahr mit der ersten Brut. Die Paare finden sich zu einer Saisonehe, können sich aber im Folgejahr wieder am selben Nistplatz treffen. Mehrfach wurde Bigynie (ein Männchen und zwei Weibchen) nachgewiesen. Beide Partner bebrüten das Gelege. Männchen mit zwei Weibchen beteiligen sich allerdings kaum am Brutgeschäft. Oft verlässt ein Partner (offenbar meist das Weibchen) die Familie vorzeitig und zieht südlich. Männchen und Jungvögel folgen ihr später, manchmal gemeinsam.